“Gesundheit” oder “Entschuldigung”?

„Gesundheit sagt man heute auf keinen Fall mehr!“

„Stattdessen entschuldigt sich immer die Person, die geniest hat!“

Beide Sätze enthalten Ungenauigkeiten. Wie alle modernen Umgangsformen situationsgerecht angewendet werden, wird auch die Entscheidung pro oder kontra „Gesundheit“ unter diesem Gesichtspunkt gefällt. In allen offiziellen Situationen sowie in einer größeren Runde gilt die Empfehlung, die Entgegnung auf ein Niesen wegzulassen.

Die Gründe: Unfreiwillige Körpergeräusche werden grundsätzlich taktvoll und somit kommentarlos überhört. Es gibt beispielsweise weder eine „Antwort“ auf ein Husten noch eine Entgegnung auf ein Magengrummeln wie „angenehmes Hungergefühl!“

Außerdem: Die Zahl der Menschen, die von Allergien und damit ganzen Niesserien geplagt werden, wächst leider ständig. Es besteht die Gefahr, dass wiederholte „Gesundheit“-Kommentare einen ironischen Beigeschmack bekommen. Zudem fühlen sich viele selbst nur einmal Niesende als Störenfriede, etwa in Konferenzen oder noch offizielleren Situationen. Dieser unerwünschte Effekt würde durch das „Gesundheit“-Sagen nur verstärkt. Dazu kommt: Niesen muss keineswegs zwingend ein Ausdruck von Krankheit sein – Beispiel: die Wirkung von Pfeffer.

Für das Niesen an sich braucht sich niemand zu entschuldigen. Es ist schließlich weder ein Fehler noch Absicht. Wird dadurch allerdings eine Unterhaltung unterbrochen, ist eine Entschuldigung angebracht. Diese bezieht sich dann jedoch auf die Gesprächs-Unterbrechung statt auf das Niesen.

Quelle: Arbeitskreis Umgangsformen International (AUI)

Gerüchteküche: Begrüßen einer Gruppe

1. „Treffen Sie auf mindestens drei Personen, so dürfen Sie der Reihe nach begrüßen.“
2. „Besteht die Gruppe aus mehr als sechs Personen, verzichten Sie beim Begrüßen auf den Handschlag. Das wäre zu umständlich.“

Beide Sätze stiften Verwirrung. Das beginnt beim „Dürfen“. Jeder Erwachsene „darf“ mit Blick auf Umgangsformen-Empfehlungen grundsätzlich tun, was er will.

Es gibt kein „Muss“, sich an diese zu halten. Dies ist die freie Entscheidung eines jeden Menschen. „Muss“ steht an einer anderen Stelle: Wer sich nicht daran hält, muss die Konsequenzen seines Verhaltens tragen. Zum Beispiel, dass andere ihn für unhöflich oder unerzogen halten und deswegen den Kontakt mit ihm meiden oder ihm im Geschäftsleben sogar ein Auftrag verloren geht.

Die aktuellen Empfehlungen zur Begrüßung von Gruppen lauten: In einer überschaubaren Gruppe (bis sechs Personen) wird die übliche Reihenfolge eingehalten.

Im Privatleben bedeutet das:

  1. Die Damen haben Vorrang vor den Herren.
  2. Bei Altersunterschieden von mindestens einer Generation – etwa 30 Jahre – werden die sehr viel Älteren vor den Jüngeren begrüßt.

Eine Dame steht in der Begrüßungsreihenfolge hinter einem Herrn erst bei noch größerem Altersunterschied zurück. Es sei denn, es handelt sich um ein Paar.

Im Berufsleben

  1. wird innerbetrieblich rein hierarchisch gedacht. Die in der Betriebshierarchie jeweils höhergestellte Person wird vor den anderen begrüßt.
  2. Sind externe Gäste oder Kundinnen und Kunden dabei, bekommen diese den Vorrang.

Privat wie beruflich wird ein ausländischer Gast gegenüber einem deutschen Gast mit gleichem Status bevor­zugt.

In einer großen Gruppe ab etwa sieben Personen wird einfach der Reihe nach begrüßt. Befindet sich eine Person in der Runde, die den anderen gegenüber einen besonders hervorzuhebenden Status hat – im Privatleben etwa eine alte Dame in einem Kreis von Teenagern oder im Berufsleben eine Chefin zwischen Mitarbeitenden – ist es angebracht, bei dieser Person zu beginnen.

Ob auf den Handschlag verzichtet und einfach nur in die Runde gegrüßt wird, hängt statt von der Personenzahl von der Situation und praktischen Erwägungen ab.

Beispiele:

  • Kommt jemand sehr knapp vor Beginn einer Konferenz mit zehn Personen, ist es sicher am besten, wenn auf die Begrüßung verzichtet und es bei einem Gruß für alle belassen wird.
  • Zehn Verwandte, die Sie bei einer Familienfeier nach längerer Zeit wiedertreffen, würden sich hingegen wohl mindestens wundern, wenn Sie es bei einem knappen Gruß in die Runde beließen.

Quelle: Arbeitskreis Umgangsformen International (AUI)

Vorsicht: Nicht überall, wo Knigge draufsteht, ist auch Knigge drin!

„Knigge“ steht sowohl als Thema wie auch als Synonym für „gutes Benehmen“ hoch im Kurs. Doch längst nicht alles, was unter seinem Namen heutzutage passiert, würde Adolph Freiherrn Knigge erfreuen, wenn er es erlebte. Die meisten Menschen haben keine Ahnung, worum es ihm wirklich ging, und dass er keineswegs ein „Regelbuch der Etikette“ geschrieben hat. Er wollte eine Hilfe dazu geben, sinnlose Konflikte zu vermeiden und schrieb vorrangig über die Grundsätzlichkeiten des guten Umgangs mit Menschen.

Eine seiner wichtigsten Thesen dazu:

„Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern!“

Diese echten Knigge-Sätze sind auch heute noch einer der wichtigsten Bausteine im Fundament guter Umgangsformen. Wer sich als „Knigge-Experte“ bezeichnet und seine Qualifikation zum Beispiel damit belegen will, dass er Prominente im Internet als „echte Blindgänger in Sachen Anstand“ darstellt, kann den wahren Geist Knigges nur missverstanden haben.

Quelle: Arbeitskreis Umgangsformen International (AUI)

SMS – der aktuelle „Knigge-Aufreger“

Eine überwältigende Mehrheit der Deutschen findet es respektlos und feige, eine Beziehung per SMS zu beenden. Dies zeigt: Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, dass es bei aller Liebe zu modernen Medien Grenzen gibt, die den Umgang mit ihnen bestimmen. Wer seinen Mitmenschen Wertschätzung entgegenbringt, wird bestimmte Nachrichten deshalb nach wie vor im persönlichen Gespräch oder auf dem traditionellen Postweg überbringen.

So bleibt es ein Tabu, Kondolenz per SMS zu übermitteln, wenn eine Todesnachricht per Trauerbrief oder Zeitungsanzeige bekannt gegeben wurde. Ungeeignet ist eine SMS unter anderem für eine kurzfristige Absage wegen der Unsicherheit, ob die Empfangsperson sie rechtzeitig liest, sowie für offizielle Geschäftsbriefe. Schreiben zu besonderen Anlässen – etwa eine Einladung zur Hochzeit oder Gratulationen zu herausragenden Festtagen wie einer Taufe oder goldenen Hochzeit – haben auch heute noch als Brief, vorzugsweise handgeschrieben, oder Karte im wahren wie im übertragenen Sinn des Wortes mehr „Gewicht“ als eine SMS.

Quelle: Arbeitskreis Umgangsformen International (AUI)

Gerüchteküche: Hähnchenschenkel

Immer wieder wird verbreitet:

„Hähnchenschenkel dürfen selbst im feinen Restaurant mit den Fingern gegessen werden, weil sie zu den offiziellen Fingergerichten gehören.“

Das ist eine Fehlinformation. Zu den Fingergerichten zählen: Schalen- und Krustentiere, wenn sie im Panzer serviert werden, Muscheln, sofern nicht überbacken, Artischocken, Spareribs und beim Geflügel lediglich die Wachtel. Nur in rustikaler Umgebung wie bei Volksfesten, im Biergarten oder in Hähnchenbratereien ist der Hähnchenschenkel als Fingergericht anerkannt. In einem Restaurant, in dem es Besteck gibt, wird erwartet, dass ein Gast ihn mit Messer und Gabel isst. Die kleineren Chicken-Wings hingegen werden in der Tat überall mit Fingern gegessen. Zum Säubern der Hände reicht dazu eine (Papier-) Serviette.

Quelle: Arbeitskreis Umgangsformen International (AUI)

Gerüchteküche: Bestecksprache

Dieses Gerücht sagt:

Hat einem Gast das Essen nicht geschmeckt, soll er das Besteck etwa auf “fünf vor halb sechs” – wenn Sie sich den Teller als Uhr verstellen – ablegen. Ist er hingegen mit der Qualität des Essens zufrieden, platziert er Messer und Gabel auf “fünf nach halb sieben”.

In umgekehrter Version, wann es geschmeckt habe und wann nicht, gibt es das Gerücht inzwischen auch. Beides ist Unsinn. Einer Gastgeberin oder einem Gastgeber durch das Ablegen des Bestecks den Unmut über das Essen kundzutun, ist mit den Grundsätzen der Höflichkeit nicht vereinbar. Außerdem kennt die in Deutschland allseits geläufige “Besteck- Geheimsprache” nur zwei nonverbale Signale: Offenes, mit den Spitzen zur Tellermitte abgelegtes Besteck bedeutet: “Ich habe das Essen noch nicht beendet.” Rechts, etwa auf “halb fünf” parallel liegendes Besteck zeigt: “Ich bin mit dem Essen fertig.”

Quelle: Arbeitskreis Umgangsformen International (AUI)

[Anmerkung Oliver Fleidl:] Ergänzend sei noch erwähnt, dass es früher noch eine dritte Möglichkeit gab: Das Besteck wurde überkreuz auf dem Teller abgelegt, was soviel bedeutet wie: “Bitte legen Sie nach”, sollte dem Personal also signalisieren, dass ein Nachschlag erwünscht ist. Diese Regel ist überholt, die Fachkräfte lernen dies Möglichkeit inzwischen gar nicht mehr, denn es gibt heute beinahe nur noch Tellergerichte.

Gerüchteküche: Salat schneiden?

Immer noch wird der alte Hut verbreitet:

„Salat darf nicht geschnitten werden!“

Das war vor langer Zeit richtig, ist jedoch seit vielen Jahren überholt. Es gibt etliche Salatsorten, die gar nicht anders essbar sind, als sie mit dem Messer in mundgerechte Stücke zu schneiden.

Quelle: Arbeitskreis Umgangsformen International (AUI)

Gerüchteküche: Zahnstocher

Zitat aus Wikipedia:

„Früher war es in Deutschland üblich, den Zahnstocher bei Tisch hinter vorgehaltener hohler Hand zu verwenden. Da diese Praktik das Hantieren mit dem Holzstäbchen noch auffälliger machte, hat der Fachausschuss für Benehmen und Tischsitten eine offene, aber dezente Verwendung nach dem Essen als gebührlich zugelassen.“

(aus dem inzwischen aktualisieren Artikel der Wikipedia, hier der Link zu der angesprochenden alten Version)

Wer mit diesem „Fachausschuss“ gemeint ist, wird nicht erkennbar. Vermutlich existiert er gar nicht. Die einzig richtige Aussage ist die zur früher vorgehaltenen Hand. Experten empfehlen seit Jahren genau das Gegenteil von dem, was anschließend dort steht, nämlich: Rücksicht auf das ästhetische Empfinden anderer am Tisch zu nehmen und auf jeden Fall den Tisch zum Stochern zu verlassen.

Quelle: Arbeitskreis Umgangsformen International (AUI)