“Guter Geschmack hat etwas mit Höflichkeit zu tun”

Im SZ-Magazin vom 9. September 2011 steht die Münchner Professorin für Romanistik Barbara Vinken Rede und Antwort zu der spannenden Frage: “Was ist guter Geschmack?”. Unter anderem war dort zu lesen:

SZ-Magazin: Wie lässt sich denn guter Geschmack beschreiben?
Barbara Vinken: Guter Geschmack hat etwas mit Höflichkeit zu tun, mit meinem Verhältnis zum anderen. Will ich ihn in maßlose Bewunderung ob meiner finanziellen Verhältnisse versetzen, ihn verletzen, ihn als impotent in den Schatten stellen? Negiere ich den Blick des anderen? Das gilt nicht als guter Geschmack. Oder möchte ich mich zu ihm in ein Verhältnis setzen? Ihn amüsieren, ihn reizen, ihn auf Distanz halten? Dem anderen Raum geben – das ist guter Geschmack.

Das Thema Kleidung spielt eine große Rolle, wenn es um die Frage der Höflichkeit geht. Was in der einen Situation als absolut angemessen und vorbildlich verstanden und gesehen wird, kann an anderer Stelle im besten Falle Kopfschütteln, im schlimmsten den Job kosten. Nur weil “alle” im Sommer kurze Hosen oder Röcke mit freien Armen und Sandalen tragen, ist das z. B. für ein Bewerbungsgespräch selbst bei noch so hohen Temperaturen selten die geeignete Garderobe.

Mir gefällt an der Antwort von Frau Vinken besonders, dass Sie eine zentrale Leitlinie moderner Umgangsformen in den Mittelpunkt rückt: In welchem Verhältnis möchte ich mich zu meinem Gegenüber, zu meinen Mitmenschen positionieren. Die Wahl der Garderobe sagt viel aus über mich. Wie möchte ich von meiner Umgebung wahrgenommen werden? Suche ich eher Nähe oder möchte ich auf Distanz bleiben? Stelle ich mich über die anderen oder bin ich ein Teil der Gemeinschaft? Will ich es mir leisten, aufzufallen, oder passe ich mich den Gepflogenheiten an?

Früher war das alles etwas einfacher, wer bei Hofe geladen war wusste was er anziehen musste und – ganz wichtig für die Damen – hatte auch die passende Garderobe im Schrank. Der Adel hatte genauso seine eigene Kleiderordnung wie das Bürgertum und das einfache Volk. Es war nicht gestattet, sich “nicht seinem Stande gemäß” zu kleiden, das hat die Orientierung und die Auswahl der Garderobe deutlich vereinfacht.

Heute leben wir in einer sehr viel individualistischeren Gesellschaft, in der jeder im Grunde alles tragen kann. Das gibt uns die Freiheit, selbst zu entscheiden, was wir anziehen. Aber diese Freiheit kann schnell zum Fluch werden, der sich in der häufig gestellten Frage ausdrückt: “Was zieh’ ich bloß an?”. Und wer sich vor der Beantwortung ein paar Gedanken darüber macht, auf wen er trifft und welche Wirkung er erzielen möchte, ist auf der richtigen Seite.

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